Hilfe, ich bin heterosexuell!

Veröffentlicht in Artikel Schweiz

Eine erfundene Gesichte, die aber wahr werden könnte:

Es ist das Jahr 2040. Ich sitze in meinem Zimmer, bin sehr traurig, mag nichts unternehmen und setze mich wieder intensiv mit meiner Situation und den Worten meines Grossvaters auseinander.

Es begann alles so „normal“. Ich wuchs in meiner „Familie“ auf und kannte nichts anderes als diese „Normalität“. Aber schon als Kleinkind wurde ich gehänselt und später in der Schule geplagt. Der Grund war immer derselbe: „Dein Mami ist ein Mann, Dein Papi eine Schwuchtel!“ riefen sie. Lange verstand ich nicht, warum dies so geschah. Ich tat nichts Unrechtes, und meine „Eltern“ haben immer gut zu mir geschaut.

Heute weiss ich vieles, verstehe aber nicht, warum ich diese Last und Schuld tragen muss. Ich weiss, dass meine Erzieher, nicht Erzeuger, mich adoptiert haben. Vor mehr als 30 Jahren hatten sich die Homosexuellen gesellschaftsfähig gemacht. Zu Recht haben sie damals verlangt, dass sie und ihr „Anderssein“ nicht nur toleriert sondern auch akzeptiert wurden. Sie standen zu ihrem Anderssein, forderten aber zugleich, dass sie gleich sein und dieselben Rechte haben wollten, wie die Heterosexuellen. Politik und Gesellschaft billigten der Heirat und der Adoption von Kindern zu. So kam es eben, dass ich genauso ein Kind von Schwulen geworden bin, wie Géraldine im Unterdorf eine Tochter von Lesben. Sie hat wenigstens eine leibliche Mutter, kennt aber ihren Erzeuger auch nicht.

Heute lebe ich zum Glück nicht mehr im Spannungsfeld meiner beiden Erzieher und kann meinen eigenen Weg gehen. Meine Herkunft kenne ich aber immer noch nicht, und die Vergangenheit belastet mich derart, dass ich die Gegenwart nicht meistere und an die Zukunft nicht denken mag. Ich bin nicht homosexuell aber auch nicht beziehungsfähig. Die Bilder von zu Hause nehmen mir die Fähigkeit eines richtigen Umgangs mit einem Mädchen. Warum bin ich nicht auch schwul? Was ist denn für mich normal? Ich hatte es gut in meiner familiären Gesellschaft. Ich habe immer gespürt, dass die Gemeinschaft, bestehend aus uns drei Männern zwar toleriert wurde, aber nie so richtig ins Gesellschaftsbild gepasst hat. Ich weiss auch, dass Homosexuelle sehr sensible, differenzierte und liebenswerte Menschen sind. Ich lasse ihnen nichts ankreiden.

Ich klage aber die Gesellschaft an, die es zuliess, dass ich und andere von homosexuellen Paaren adoptiert worden sind. Wir wurden nicht gefragt, über uns wurde verfügt. Es gibt Kinder, die hatten und haben kein Problem mit dieser Situation. Ich aber werde damit nicht fertig und wurde psychisch krank. Warum ich, warum so, warum hier? Warum habe ich keine Familie, wie es dieser Begriff definiert? So viele Fragen plagen mich und ich finde keine Antwort.

Und jetzt kommt die Geschichte meines Grossvaters hinzu. Er ist zwar auch nicht mein richtiger Opa aber meine Vertrauensperson. Zu ihm fühle ich mich mehr hingezogen als zu meinem „Vater.“ Auf all mein Klagen und Fragen hin, hat er mir seine Geschichte erzählt. Er war ein Verdingkind. Zwar hatte er selber das Glück, bei einer guten Familie aufgenommen worden zu sein, musste auch hart arbeiten, hatte und bekam aber alles, was er benötigte und wurde beinahe wie ein Familienmitglied behandelt. Er durfte die Schulen besuchen, eine Lehre abschliessen, Geld verdienen und später seinen eigenen Weg gehen. In „meiner“ Grossmutter fand er das Glück seines Lebens und konnte eine eigene Familie gründen. Dass einer seiner Söhne – mein Vater - schwul war oder wurde, hat ihn zwar anfänglich belastet, später aber hat er es akzeptiert. Mein „Vater“ wurde gar zu seinem Lieblingssohn. So hatte er auch keine Einwände, dass dieser später zu seinem Freund zog und mit diesem zusammenlebte. Mit der offiziellen Heirat der beiden bekundete er aber grosse Mühe und war absolut gegen meine Adoption. Sie haben aber getan, was ihr Recht war, und sowohl Staat als auch Kirche billigten und ermöglichten.

Grossvater hat mir viel aus seiner Zeit erzählt, wie schlimm es andere Verdingkinder hatten, wie Staat und Gesellschaft dies zwar wussten, aber nichts dagegen unternahmen. Dass Verdingkinder zu den „mingere Lüt“ gehörten, war nun mal so. Ein Umdenken kam viel später. Nachfolgegenerationen haben sich mit dem Problem befasst und die Vergangenheit aufgearbeitet. Dabei hätten sich vor allem Politikerinnen und Politiker profiliert und für sich Profit daraus geschlagen. Sie sind als Gutmenschen über jene hergefahren und haben jene verurteilt, die in dieser Zeit und mit jenem Zeitgeist gelebt haben, als es normal war, Verdingkinder zu haben oder zu platzieren. Es waren dieselben Bessermenschen und breitspurigen Politikerinnen und Politiker, die unsere Vorfahren im und nach dem Zweiten Weltkrieg verurteilt haben, weil diese ihrer Meinung nach in Bezug auf die Judendfrage und des Nationalsozialismus völlig falsch und verräterisch gehandelt haben sollen. Diese Politiker, sagte Grossvater, hätten sich auf den Sockel der Justitia gehoben und sich vor dem Ausland und den Juden für das ungebührliche Verhalten der damaligen Zeitgenossen, unsere Urgrossväter, entschuldigt.

Gleiches habe 2014 die damalige Justizministerin und Bundesrätin vor den noch lebenden „Verdingkindern“ gemacht. Sie habe sich für jene entschuldigt, die sie nicht kannte. Sie konnte ja auch nicht verstehen, in welchem Kontext damals so gehandelt wurde. Mein Grossvater meint, dass Geschehenes nicht ungeschehen gemacht werden kann, aber dafür zu sorgen sei, dass solches nie mehr geschieht. Er kann bis heute nicht verstehen, wie die Bunderätin mit solch emotionalem Schauspiel sich die Gunst der Bevölkerung erkaufen wollte und konnte. Sie habe  sich doch nicht für etwas entschuldigen können, das sie nicht verschuldet habe. Ent-Schulden könne man sich nur von einer eigenen Schuld. Es war billig und teuer zugleich, diese Vergehen mit je 4‘000 – 12‘000 Schweizer Franken pro Fall tilgen zu wollen. Die „Grösse“ der Entschuldigung hat die Bundesrätin für sich in Anspruch genommen, das Geld, welches verteilt wurde, entnahm sie einem Fonds, der auf freiwilliger Basis durch die Kantone, Städte und Gemeinden, andere Institutionen sowie Private unterstützt wurde. Mit Geld könne man nicht einfach alles kaufen, meint Grossvater, auch kein gutes Gewissen. Darum auch habe sich der Bauernverband am Fond nicht beteiligt.

Nun frage ich mich, wann endlich eine gewiefte Politikerin sich mir, sich unser, annimmt? Wir wurden die Opfer der damals bestimmten Regelungen, Gesellschaftsformen und –normen. Gefragt hat man uns nicht. Über uns wurde bestimmt und verfügt. Wie es uns ergangen ist, wie es uns geht und ob wir damit umgehen können, interessiert niemanden mehr. Ich weiss nur, dass ich und viele andere geschädigt sind. Grossvater, hast Du einen Rat? Es muss doch einfach sein, Vorgängern eine Schuld zuzuschieben, sich für etwas zu entschuldigen, das andere verbrochen haben und dann Millionen zu verteilen, die man selber nicht hat, aber damit zu „Ruhm und Ehre“ gelangt, oder? Gibt es jetzt auch für uns bald einen Geldregen?

Opa, ich würde es machen wie Du. Auch ich würde auf das Geld verzichten. Ich kann mir das Heil damit nicht kaufen. Also sollen diese auch nicht ihren unverdienten Ruhmesanteil mit Geld von anderen erkaufen können. Ich wünsche mir einfach, dass ich mit meiner Normalität als Heterosexueller aus einer homosexuellen Beziehung auch wieder akzeptiert und eine „normale“ Beziehung finden werde. Und: es soll nicht wieder geschehen!

XY, den es zum Glück (noch) nicht gibt.

                                                                                                                      Paul Hunziker