Mingeri Lüt (8)

Veröffentlicht in S’CHEFELI VERZELLT

Wer als interessierter Leser diese Folgengeschichten im Kontext verstehen will, ist gebeten, den 1.Artikel unter der Rubrik „s’Chefeli verzellt…“ den gleichnamigen Artikel sowie „Mingeri Lüt“ zu lesen. Heute folgt die achte Geschichte.

Spazzacamini 

In Gotthelfs Schriften ist oft vom schweren Problem der „Überkindung“ die Rede. Tatsächlich waren die grossen Familien in der Schweiz noch bis ins 20. Jahrhundert hinein die Hauptursache für die vorherrschende Armut. Obwohl die grosse Sterblichkeit unter den Kindern und Wöchnerinnen (so grausam dies tönt) den Bevölkerungszuwachs etwas im Zaum hielt, waren noch zusätzliche, drastische Mittel nötig, um die überzähligen Menschen (und damit die Gesellschaft als Ganzes) zu retten. Wichtige Ventile waren dabei die Auswanderung und die Reisläuferei. Viele unernährbare Kinder wurden verdingt, denn Waisenhäuser waren (dank Pestalozzi und Gotthelf) erst anfangs 19. Jahrhundert im Entstehen begriffen. Aber dies alles genügte noch nicht, um der Not Herr zu werden. Also wurden in grossem Stile Kinder nach Deutschland verkauft („Schwabenkinder“). In ländlichen  Gegenden hatten die Verdingkinder im Vergleich noch Glück, da sie wenigstens in ihrer Heimat bleiben konnten. Doppeltes Unglück traf hingegen die armen Jungen der Südschweiz: Im nahen Mailand hatten die Häuser unzählige enge Kamine, die immer zur Verrussung neigten. Also gestatteten die hiesigen Behörden den italienischen Agenten im Tessin und in Südbünden nach schmalen Knaben Ausschau zu halten. Diese neun- bis dreizehnjährigen Buben wurden den Vätern für geringes Geld abgekauft und in Mailand unter sklavenmässigen Bedingungen als Kaminfeger (“spazzacamini“) eingesetzt. 

Eine Frage: Wie „löst“ die heutige Welt das Problem der „Überkindung“? Stichworte: China/Einkindfamilie, Indien/Abtreibung weiblicher Föten, Afrika/Hungerhilfe und medizinische Unterstützung für viele Menschen, die dann versuchen, in Europa Arbeit zu finden usw. 

Bis zum nächsten Mal

Euer Chefeli