S'Chefeli verzellt:...

Veröffentlicht in S’CHEFELI VERZELLT

Es gibt solche, die behaupten, ich sei das Wahrzeichen von Seftigen, also ein Zeichen der Aufmerksamkeit. Ich erlebe dies ganz anders. Viele gehen an mir vorbei und würdigen mich keines Blickes. Neuzuzüger der letzten Jahrzehnte aber auch „Einheimische“ wissen oft weder wer ich bin noch wo ich stehe.

Das hat jetzt geändert. Man hat mich zwangssaniert. Die Gemeinde, die seit vielen Jahren wieder rote Zahlen schreibt, hat mit Unterstützung des noch maroderen Kantons, für sage und schreibe 35‘000 Franken mir die Fassade geputzt. Für mich gilt nun: „aussen fix und innen nix" ! Niemand will wissen, wie es in mir innen aussieht und niemand interessiert sich dafür, wofür ich noch nützlich sein könnte. Kein Konzept, keine Strategie. Vielleicht wollen einige sich mit mir ein Denkmal für sich setzen? Wenn es aber so weitergeht, werde ich in wenigen Jahren wieder ein ärgerliches Verkehrshindernis sein, überwachsen und ungepflegt wie der Turm im Schloss von Dornröschen. Das will ich nicht mehr. Darum sende ich ab heute regelmässig Lebenszeichen von mir, indem ich von mir und aus meiner früheren Zeit erzähle, Geschichten, die ich kenne, bringe oder meine kritischen Beobachtungen Euch kundtue. Ihr sollt mich wahrnehmen!

1612 hat mich Hugo Gerhard von Wattenwyl gebaut. 1714 habe ich den Dorfbrand, wenn auch mit Wunden, überlebt. 1718 hat mir dann David von Büren ein Obergeschoss mit einer Gefängniszelle gegeben und das geknickte Pyramidendach aufgesetzt. Weil ich meine Aufgabe gut erfüllt habe und mein Angebot einer grossen Nachfrage entsprach, hat man mich, ohne in Brüssel (dieses kenne ich erst seit kurzem) nachzufragen, mich 1725 zum Kerker mit zwei Gefängniszellen ausgebaut. 1803 hat man den Gerichtssitz von Seftigen nach Belp verlegt. Aber meine Aufgabe, Kost und Logie für zwei Personen anzubieten, erfüllte ich noch bis ins 20. Jahrhundert.

Ich verdanke den vielen unterforderten und sich selbstbeschäftigenden Beamten des Kantons Bern, dass ich (oder andere?) saniert worden bin. Vertreter der Gemeinde, Beamte der Denkmalpflege (also Pflegefachleute), ein Restauratorenteam und fachkundige Handwerker haben ein Konzept für eine fremdbestimmte Sanierung (kein Nutzungskonzept) erarbeitet. Das Ziel dieser Studien war, mein Äusseres für die nächsten Jahre ansehnlich zu machen, meine historische Substanz möglich zu wahren und den Baudenkmalpflegern nicht alle Spuren zu nehmen, die sie bei mir aufwendig gesucht und gefunden haben. Gemäss Schlussfolgerungen sind die ausgeführten Arbeiten zur Zufriedenheit der Denkmalpflege gelungen. Ob es für mich oder die zahlende Bevölkerung auch stimmt, hat zuvor und danach niemand gefragt. Ich weiss nicht einmal, wie viel das Konzept und wie viel die Ausführung gekostet haben.

Am 23. November 2013 ist mir dann die Ehre erteilt worden, den Grund für einen von der Gemeinde offerierten Apéro zu sein. Mir bleibt die Erinnerung daran, dass sich die meisten mehr am Apéro als an meinem verlotterten Innern und der geschichtsträchtigen Vergangenheit interessiert waren. Das kränkt mich. Ich bin doch nicht unnütz! Man kann mich zumindest als schlechtes Beispiel für mehrere Vorfälle gebrauchen.

Nun greife ich zur Selbsthilfe. Ich werde wieder lebendig. Wenn Ihr nicht zu mir kommt, komme ich zu Euch und werde Euch einiges zu sagen haben. Da ich aber immer für alle da war, soll es auch so bleiben. Wer mir also etwas in den Mund legen will, kann das tun. Ich werde es erzählen. So würde es mich freuen, bei optimaler Zusammenarbeit wöchentlich mich bei Euch oder Ihr Euch bei mir zu melden.

Euer Chefeli