Ogi’s Weckdienst

Veröffentlicht in Artikel Schweiz

Wie der Märchenprinz glaubt er wohl die vernünftigen Parteimitglieder aus dem Dornröschenschlaf wecken  und wie ein Muezzin jene ohne Vernunft mahnen zu müssen.

Leidet Adolf Ogi an Höhenkoller?

Alt-Bundesrat Ogi hat einmal entschieden, nachdem er sich aus der aktiven Politik zurückgezogen hat – und das ist wirklich lange her – sich nicht mehr zu seiner Partei zu äussern. Aber auch dies ist Vergangenheit. Wie der ehemalige SVP-Präsident im Interview der Sonntagszeitung vom 17. August 14 bekannt gab, soll er auf einer Bergwanderung oberhalb Kandersteg (wo denn sonst) die Eingebung gehabt haben, er müsse den Weckruf: „Wir müssen Blocher stoppen!“ gegen die zerstörerische Allmachtsfantasie von Christoph Blocher über das ganze Land ausrufen. Er wirft diesem irrationalen (= mit dem Verstand nicht fassbaren) Hass gegen Europa vor, was nur ein EU-Beitritt-Befürworter so formulieren kann. Fragt sich nun, ob seine Allwissend- und Bessermenschmanie nicht weit irrrationaler ist. Wenn er den Blochers Kurs mit den Attributen „Wahnsinn, Katastrophe und Irrweg“ versieht, muss man sich fragen, ob er bei seiner Wanderung nicht zu hoch gestiegen ist und Opfer des Höhenkollers wurde. Dieser führt nämlich zu psychischen Veränderungen, bedingt durch den Aufenthalt in grosser Höhe vor allem nach schnellem Aufstieg. Diese Krankheit äussert sich als Euphorie (Höhenrausch), Leichtsinn, Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Fehlbeurteilung der Situation, Reizbarkeit und Angst. Mir scheint diese Einschätzung darum nicht falsch, weil Herr Ogi Wert darauf legt, dass all dies sein Verstand auf der Bergwanderung produziert hat. Vielleicht gibt es aber auch einen „politischen“ Höhenkoller, der bei ihm durch den (zu) schnellen Aufstieg in den politischen Olymp irreparable Schäden angerichtet hat.

Der Geschichts(un)kundige

Seine Allwissendmanie wird bestätigt durch seine ungeheuerliche Behauptung, Blocher führe die Schweiz in die schwierigste Lage seit 1848! Für jene die in dieser Geschichtsstunde gefehlt haben, sei erwähnt, dass mit 1848 die Geschichte der Schweiz als Bundesstaat mit der Annahme der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft begann. A. Ogi hat diese Geschichtsstunde nicht verpasst aber vielleicht einige danach.

Der Bundesrat

Ogi wurde 1987 nicht im ersten Wahlgang gewählt. Einige haben ihn für sein Verhalten bei Otto Stichs Wahl abgestraft. Er wollte Lilian Uchtenhagen als Kollegin. Sein ganzes Engagement galt dann dem Ziel „Neat“, welches er mit der Behauptung erreicht hat, das Werk könne vollständig aus den Beiträgen seiner Nutzer finanziert werden. Er gewann damit zwar die Abstimmung, kam aber der hohen ungedeckten Kosten wegen immer mehr in die Kritik. Er musste danach zugeben, dass die Rentabilität bei der Abstimmung beschönigt worden war. Seine grösste Niederlage war die Annahme der Alpeninitiative am 20.02.1994. Er beharrte auch nach dem Verdikt des Souveräns weiterhin auf seiner Sichtweise.

Nachdem im Sommer 1995 der Konflikt mit Otto Stich eskaliert war, übernahm Ogi das EMD (heute VBS). Dort trieb er den Beitritt zum NATO-Programm voran, entsandte 1999 unsere Soldaten nach Kosovo und plante eine drastische Reduzierung des Armeebestandes. Der Zerfall der Armee begann damit. Während seiner Zeit ereigneten sich auch die Affären „Nyffenegger“ und „Belasi“. Niemand wurde aufgefordert, Ogi zu stoppen.

1998 liess sich Ogi zum Präsidenten der Olympiakandidatur Sion 2006 wählen, welche er dann gegen Turin verlor. Seine Bewerbung um eine Mitgliedschaft im IOC scheiterte 2001.

Der Alt-Bundesrat

Nach seinem Rücktritt 2000 übernahm er bei der UNO ein Mandat als Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden.

2005 erhielt er den Ehrendoktor der Universität Bern.

Nach dem Ausscheiden seines Freundes und Bergwanderkollegen Kofi Annan aus dem Amt des UNO-Generalsekretärs Ende 2007 stellte sich Ogi als Sonderberater auch nicht mehr zur Verfügung.

Adolf Ogis ist in zahlreichen weiteren Funktionen tätig als Ehrenpräsident, Präsident, Ehrenmitglied, Direktionsmitglied. Er hält auch diverse Verwaltungsmandate.

Der Charismatische

Ogi hat vieles und auch Hervorragendes geleistet. Seine Verdienste sind gross, und wir zollen ihm für dies auch den entsprechenden Respekt. Er hatte ein Charisma (= gewinnende Ausstrahlung). Aber wie alles verblasst auch dies einmal, was völlig normal ist. Alt ist man, wenn man an der Vergangenheit mehr Freude hat als an der Gegenwart und sich vor der Zukunft fürchtet.

Der Strahlemann

Ogi will um jeden Preis ein Strahlemann bleiben. Darum stellt er sich immer wieder selber ins Licht. So erscheint er in allen Medien und zu (fast) allen Themen. Er liebt seine Vergangenheit so, dass er ein Buch über sich schrieb, dass er mit Stock, Charme und Melone sich als Bundesrat im „anno 1914“ produziert.

Er hatte auch die grosse Fähigkeit, mit Pathos und Leidenschaft prägnant zu reden. Er dachte mehr und sprach weniger. So entstand ja auch sein Bonmot „Freude herrscht“. Heute spricht Ogi mit seiner Partei nicht mehr oft aber viel über sie.

Der vernünftige SVPler

Herr Ogi mobilisiert mit dem selbstgefälligen Satz in der Sonntagszeitung: „Deshalb müssen wir, die vernünftigen SVPler, aufstehen und Blocher stoppen.“ Aber nur Ausgeschlafene können Aufgeweckte sein. Da müssten wohl einige „politisch“ früher ins Bett und später aufstehen. Ogi hofft damit sogar Albert Rösti zur Raison zu wecken, nur weil dieser aus Kandersteg stammt.

(Ab-)danken statt (ab)spalten

Warum kann Ogi nicht auch wie die meisten seiner Vorgänger sich zurückhalten und einfach dankbar sein, dass er es mit und dank der SVP soweit gebracht hat? Er braucht jetzt doch nicht als Spaltpilz die Partei in vernünftige SVPler und in SVPler ohne Vernunft spalten zu wollen. Wenn er sich mit der SVP nicht mehr identifizieren kann und mit seinem Kurs von rechts nach links schwenkt, dann soll er abdanken. Mit der BDP haben wir ja ein Soziotop als Auffangbecken für Bessermenschen. Dort quaken und strampeln solche, die den Begriff „vernünftig“ für sich scheinbar gepachtet haben und der Partei, in welcher sie ihre Karriere machten, es so danken.

 

Paul Hunziker